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Tarot verstehen

Warum Decks dieselbe Karte anders erzählen

Marseille, Rider–Waite–Smith und Thoth teilen die Grundstruktur, setzen aber andere Bilder, Namen, Reihenfolgen und Schwerpunkte. Ein Deck ist immer auch eine Interpretation.

Gaist Redaktion · Aktualisiert am 15. Oktober 2026

Visconti–Sforza

Norditalien, 15. Jahrhundert

Aufbau
Frühe erhaltene Trionfi-Familien; nicht jedes Exemplar besitzt heute noch alle Karten.
Bildsprache
Handgemalte höfische Figuren, Goldgrund und Embleme mächtiger Familien.
Kraft & Gerechtigkeit
Keine moderne Standardisierung; Reihenfolge und Benennung waren regional beweglich.
Hofkarten
König, Königin, Ritter und Bube spiegeln eine höfische Ordnung.
Besonders geeignet
Geschichte und die Bildwelt vor den späteren okkulten Systemen.

Tarot de Marseille

Frankreich/Schweiz, vor allem 17.–18. Jahrhundert

Aufbau
22 Trümpfe und 56 Farbkarten. Die Zahlenkarten zeigen meist angeordnete Farbsymbole statt erzählter Szenen.
Bildsprache
Kräftige Holzschnittlinien, flächige Farben, frontale Figuren und eine offene, mehrdeutige Bildsprache.
Kraft & Gerechtigkeit
Gerechtigkeit VIII, Kraft XI.
Hofkarten
Valet, Cavalier, Reine, Roi; die genaue deutsche Benennung variiert.
Besonders geeignet
Lesen aus Zahl, Rhythmus, Blickrichtung und traditioneller Ikonografie.

Rider–Waite–Smith

London, 1909

Aufbau
A. E. Waite konzipierte das System, Pamela Colman Smith zeichnete alle 78 Karten. Auch die Zahlenkarten erzählen konkrete Szenen.
Bildsprache
Klare Figuren, Landschaften und wiederkehrende Symbole; dadurch leicht über Bildgeschichten zugänglich.
Kraft & Gerechtigkeit
Kraft VIII, Gerechtigkeit XI.
Hofkarten
Page, Knight, Queen, King; im Deutschen meist Bube, Ritter, Königin, König.
Besonders geeignet
Einsteiger, erzählerische Legungen und viele moderne Nachfolgebilder.

Thoth Tarot

Gemalt 1938–1943, als Deck später veröffentlicht

Aufbau
Aleister Crowleys System mit Gemälden von Frieda Harris; stark mit Thelema, Kabbala, Astrologie und Alchemie verbunden.
Bildsprache
Abstrakte Geometrie, intensive Farbe und übereinandergelegte Korrespondenzen statt alltäglicher Szenen.
Kraft & Gerechtigkeit
Adjustment VIII und Lust XI; beide Karten werden auch inhaltlich neu akzentuiert.
Hofkarten
Princess, Prince, Queen, Knight statt Page, Knight, Queen, King.
Besonders geeignet
Dichte okkulte Korrespondenzen und Leserinnen, die gern mit mehreren Symbolsystemen zugleich arbeiten.

Dieselbe Karte, drei Erzählweisen

Drei der Schwerter

Tarot de Marseille

Drei Schwerter bilden ein ornamentales Gefüge. Zahl, Symmetrie und Unterbrechung tragen die Aussage.

Rider–Waite–Smith

Ein von drei Schwertern durchbohrtes Herz macht Schmerz und klare, verletzende Wahrheit unmittelbar sichtbar.

Thoth Tarot

„Sorrow“ verbindet die Drei mit Saturn in Waage; dunkle Geometrie verdichtet den seelischen Druck.

Was sich daraus lesen lässt: Die oft zitierte Herzschmerz-Bedeutung ist besonders stark vom Rider–Waite–Smith-Bild geprägt.

Der Narr

Tarot de Marseille

Ein Wanderer zieht weiter; ein Tier greift an sein Gewand. Die Karte kann nummernlos oder mit 0 bezeichnet sein.

Rider–Waite–Smith

Die Figur steht hell am Abgrund, mit Rose, Bündel und Hund. Offenheit und Risiko liegen im selben Schritt.

Thoth Tarot

Mehrere Mythen und Symbole überlagern sich in einer spiralförmigen Komposition. Der Narr ist schöpferische Null.

Was sich daraus lesen lässt: Der Kern „Aufbruch ins Unbekannte“ bleibt, doch Warnung, Unschuld und kosmische Energie werden unterschiedlich gewichtet.

Tod

Tarot de Marseille

Ein Skelett mäht Körperteile und Kronen. Manche historischen Karten tragen keinen gedruckten Titel.

Rider–Waite–Smith

Ein gerüstetes Skelett reitet unter schwarzer Flagge; am Horizont geht die Sonne zwischen Türmen auf.

Thoth Tarot

Eine tanzende Skelettfigur bewegt sich durch Netze und Blasen: Auflösung wird zum fortlaufenden Wandel.

Was sich daraus lesen lässt: Alle drei Systeme sprechen eher von Ende und Verwandlung als von einer wörtlichen Todesvorhersage.